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Bürgerbeteiligung zeigt neue Wege auf

15 Dez, 2016 10:27 von Alfred Rindlisbacher in Gesellschaft

Drei Fragen an Alfred Rindlisbacher

Bürgerbeteiligung zeigt neue Wege auf

Was verstehen Sie unter Bürgerbeteiligung?

Bürgerbeteiligung ist mehr als Wählen.

Wenn ich von Bürgerbeteiligung spreche dann meine ich Partizipation, die Teilhabe der Bürgerinnen und Bürger am gesellschaftlichen Meinungsbildungsprozess. Wichtige Themen, zukunftsentscheidende Fragestellungen werden intelligenter und wirkungsvoller bearbeitet, wenn die ‚Weisheit der Vielen’ konsultiert und in die Lösungssuche miteingebunden wird. Dazu stehen heute neue und innovative Formen der dialogorientierten politischen Beteiligung zur Verfügung.

Was es dazu braucht, ist zum einen die Bereitschaft und der Mut der verantwortlichen Führungskräfte in Verwaltung und Politik, ehrlich anzuerkennen, dass die Komplexität der heutigen Welt und das Tempo der Veränderung neue Wahrnehmungsmechanismen und neue Formen der Zusammenarbeit braucht. UND DANN die Bereitschaft und den Mut der Bürgerinnen und Bürger, Möglichkeiten der Teilhabe am politischen Meinungsbildungsprozess auch tatsächlich anzunehmen und zu nutzen. Man braucht diese Schritte aufeinander zu.

Wie gelingt Bürgerbeteiligung?

Durch transparente und professionell gestaltete Prozesse von Anfang bis zum Schluss!  

Wenn Bürger ihre Zeit zur Verfügung stellen, freiwillig viel geben, ist es wichtig, sorgsam mit der Ressource Lebenszeit umzugehen.

Daher müssen viele Dinge von vornherein bedacht und berücksichtigt werden. Besonders müssen die Rahmenbedingungen von Anfang an klar kommuniziert werden.

Das gilt auch für die Art und Weise, wie zB mit Ergebnissen eines Beteiligungsprozesses umgegangen wird. Von Anfang an muss geklärt sein, wie der Feedbackprozess an die Bürger erfolgen soll.

Im Prozess, beispielsweise in Workshops, entsteht meistens eine eigene Dynamik und sehr oft ein Flow-Gefühl, dass es selbst mir als erfahrenen Facilitator immer wieder "die Gänsehaut aufzieht". Man merkt wie engagiert sich die Bürgerinnen und Bürger im Sinne des Gemeinwohles einsetzen.

Gibt es ein Zuviel an Bürgerbeteiligung?

Inhaltlich kann fast jedes Thema bearbeitet werden. Die Entscheidungen werden in unserer repräsentativen Demokratie in Österreich immer noch die gewählten Vertreter in den politischen Gremien treffen. Doch wie wir den Weg hin zu den Entscheidungen gestalten, das ist uns frei gestellt. Und es ist klug, die Breite der Bevölkerung, mit ihrer Intelligenz, ihrem Wissen und ihrer Erfahrung qualifiziert und rechtzeitig einzubinden.  

Es zeugt von Reife und Führungskompetenz, wenn Führungskräfte die vielfältigen Möglichkeiten und Formen von Beteiligung nutzen und diese nicht nur zu Bau-Fragen, sondern zu Fragen des Zusammenlebens, wie zB zu Fragen knapper Budgets oder zu Fragen der Gestaltung von Bildung und Gesundheitswesen weise und proaktiv einsetzen. Letztlich hängen im gesellschaftlichen Kontext alle Dinge irgendwie zusammen - und wenn es im Haushaltsplan eines Kalenderjahres ist …

Was mir in langjähriger Erfahrung aufgefallen ist, ist die Tatsache, dass bei guten Beteiligungsprozessen keine beliebigen Wunschlisten gestrickt werden, sondern dass intelligente und verantwortungsvolle, ganzheitliche Sichtweisen gefunden werden und den Entscheidern zur Verfügung gestellt werden können.


Möchten Sie noch etwas ergänzen?

Ja, drei Punkte, gerne:

Erstens, je öfter Bürgerbeteiligung stattfindet, desto mehr wächst das Vertrauen in diese Prozesse und desto eher entwickelt sich daraus eine Kultur, die das Zusammenleben prägt. Wir erleben übrigens, dass im Laufe von Beteiligungsprozessen zB Achtung und Wertschätzung zwischen Bürgern und Politikern deutlich zunehmen! Und ein insgesamt positives Wir-Gefühl wird gefördert – ein angenehmer Nebeneffekt.

Zweitens lebt unsere Demokratie von mündigen Bürgern und von Entscheidern die jeweils diese Möglichkeit der Gegenwart- und Zukunftsgestaltung schätzen. Beteiligung ist die beste Form politischer Bildung überhaupt und eine Win-Win-Situation für den konkreten Anwendungsfall, wie auch für die Demokratie als solche.

Drittens möchte ich noch sagen, dass professionelle Bürgerbeteiligung keine "schnellen Lösungen" erzeugt sondern Lösungen die halten. Weitsichtigen Entscheidern wird der Rücken gestärkt und das Vertrauen in die eigene, zB kommunale (regionale, institutionale etc) Lösungskompetenz, wächst kontinuierlich. Und damit auch die Zukunftsfähigkeit.

Ich persönlich finde das einfach schön – und es macht trotz allem Schweiß immer wieder Freude solche Prozesse zu begleiten!